Living Mobilities: Stadtplaner in Mexico City entwickeln Ideen für Mobilität

In Mexico City gehört Verkehrschaos zum Alltag. Wie der Verkehr in Metropolen besser organisiert werden kann, untersuchen die Vordenker José Castillo und Monica Arzoz vom Büro für Architektur und Stadtplanung „a | 911“.

Jose Castillo

José Castillo: Zusammen mit Saidee Springall gründete der Architekt und Stadtplaner das Planungsbüro „a | 911“ in Mexico City. Städtebauliche Masterpläne gehören ebenso zum Portfolio wie Wohnprojekte für Haushalte mit niedrigem Einkommen. Das Büro wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und stellte seine Arbeiten unter anderem auf Biennalen
in São Paulo, Rotterdam und Venedig aus Photo: Frank Jörger

Was ist das Besondere an Mexico City im Vergleich zu anderen Großstädten wie London, Peking oder New York?

Arzoz: Mexico City wuchs in den letzten 100 Jahren dramatisch von 300.000 auf 21,1 Millionen Einwohner, die heute auf 1.400 Quadratkilometern leben. 15 Millionen Fahrzeuge zirkulieren täglich durch diese Region, der öffentliche Nahverkehr ist heillos überlastet. Drei Stunden Fahrtzeit täglich sind für einen Pendler keine Seltenheit. Und obwohl nur 28 Prozent der Bürger eigene Autos nutzen, sind diese im Schnitt nur mit 1,2 Personen besetzt. Das verursacht eine extreme Nachfrage nach Parkraum und Straßen. Zwischen 2009 und 2013 waren 42 Prozent der neu bebauten Flächen Parkplätze; insgesamt etwa 7,2 Millionen Quadratmeter.

Wie wollen Sie das Problem lösen?

Castillo: Mobilität ist hier eine schmerzliche Sache, die Menschen eher entfremdet, als Freude am Stadtleben entstehen lässt. Mexico City ist von einem großen sozialen Gefälle geprägt. Informationen sind nur wenigen zugänglich. Unsere Überlegungen zielen auf eine Demokratisierung der Daten und wie diese den Alltag für alle Bürger besser machen. Das Projekt „Living Mobilities“ nutzt dazu Crowdsourcing-Technologien, um eine neue Mobilitätskultur zu entwickeln. Es sieht einen neuen Gesellschaftsvertrag für Mobilität vor. Mehr Menschen sollen über Plattformen die Mobilität in einer Megacity mitgestalten können.

Wie werden Pendler in der Stadt davon profitieren?

Arzoz: Mit der bisherigen Arbeit konnten wir eine Reihe sinnvoller Pilotprojekte identifizieren. Diese basieren auf einer fundierten Kenntnis der Entscheidungsprozesse der Pendler. Das ist die Basis für eine positive Entwicklung, die sich direkt auf die Lebensqualität und Produktivität auswirken kann. Aufgrund seiner Größe und der sozialen wie geografischen Komplexität sehen wir für Mexico City ein Mobilitätsnetzwerk, das viele Transportarten verknüpft und den öffentlichen Nahverkehr gegenüber dem Individualverkehr vorrangig behandelt. Metro, Schnellbuslinien und Bike-Sharing sollen mit einer besseren Infrastruktur für Fußgänger einhergehen. Und wir müssen die Rolle des Autos in der Stadt überdenken. Denn das Auto selbst ist nicht das Problem, sondern
die Art und Weise, wie es genutzt wird. Solche Ansätze würden das Mobilitätserlebnis der Stadt um einiges verbessern.

MONICA ARZOZ

Monica Arzoz: Die Architektin und Stadtplanerin ist seit 2014 als Projektmanagerin maßgeblich am Projekt „Living Mobilities“ beteiligt, welches mit dem Audi Urban Future Award ausgezeichnet wurde. Photo: Diddo Ramm

Wo und wie haben Sie die Bewegungsdaten der Pendler gesammelt?

Arzoz: Während der ersten Projektphase suchten wir die Zusammenarbeit mit 43 Unternehmen, Einrichtungen und Organisationen. So erhielten wir Pendlerdaten von 14.000 Angestellten und Studierenden in Santa Fe, einem Viertel im Westen der Stadt mit sechs Hochschulen und vielen Geschäften. Öffentlichen Nahverkehr und eine Infrastruktur für Fußgänger gibt es dort quasi nicht. Über Partnerschaften mit sieben Unternehmen und Institutionen analysierten wir anschließend in der zweiten Phase das Verhaltensmuster und die Dynamik der Pendler genauer. Hinzu kamen 2.000 Online-Befragungen und 21 ausführliche Interviews mit Direktoren und Entscheidern.

Gab es dabei keine Bedenken hinsichtlich der Sicherheit dieser persönlichen Daten?

Castillo: Die Sorge um die eigene Privatsphäre und Datensicherheit ist natürlich ein wichtiger Punkt – auch bei uns in Mexiko. Unsere Strategie in den vergangenen Jahren basierte darauf, festzustellen, zu wem unsere Zielgruppe Vertrauen hat. So ist es zum Beispiel wahrscheinlicher, dass ein Angestellter seinem Arbeitgeber seine Daten anvertraut als einer ihm unbekannten Gruppe oder Initiative.

In welchem Maße war die Stadtverwaltung involviert?

Arzoz: Die Stadtverwaltung war uns eine große Unterstützung und während des gesamten Prozesses unser Verbündeter. Wie wir will sie die öffentliche und private Zusammenarbeit fördern, um die Mobilitätsherausforderungen in Mexico City zu bewältigen. Auch stellte uns das Verkehrsministerium eine Menge hilfreicher Daten zur Verfügung, die wir in unsere Untersuchungen eingebaut haben.

Wie wird es mit Ihrem Projekt weitergehen?

Castillo: Derzeit arbeiten wir an einer Strategie, wie sich die Pilotprojekte am besten umsetzen lassen. Ein erstes Pilotprojekt soll bis Ende 2017 voraussichtlich im Stadtteil Santa Fe realisiert werden. Danach sollen Strategie und Methode sowohl auf andere Stadtteile als auch auf andere mexikanische Städte übertragen werden. Parallel dazu wollen wir weitere Partner und Verbündete gewinnen, die uns dabei helfen, die Veränderungsprozesse voranzutreiben, indem sie neue Ideen und Verbesserungsvorschläge einbringen. Langfristig wird eine nachhaltige Mobilität direkte, positive Auswirkungen auf die Lebens- sowie Luftqualität und den Energieverbrauch von Mexico City haben. So ergibt der Wandel der Mobilitätskultur eine Win-win-Situation für alle.

Interview: Jan Oliver Löfken

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